Tor des Géants 2019

Auszüge aus einem sehr, sehr langen Rennen
Den vollständigen Rennbericht gibt es im Trailrunning Szene Magazin (Winter 2019/2020). App ‚Trailrunning Szene‘ downloaden (Google Play oder Apple Store).

350 Kilometer laufen. 24.000 Höhenmeter. Inoffiziell 30.000. Die maximale Zeit: 150 Stunden. Schlafpausen? Muss man sich selbst einteilen. Es gibt Hütten am Weg und 6 sogenannte Life Bases, wo man die eigene Tasche bekommt, schlafen, essen, duschen kann. Ein Begleiter, also ‚Assistant‘ ist erlaubt, der bei den Life Bases Zutritt hat und helfen darf. Ich bin alleine hier und mir selbst überlassen. Das wird schon klappen!

Eine besondere Atmosphäre vor dem Start
Stolz marschiere ich nach der Startnummernabholung hinaus und freue mich wenn es am nächsten Tag endlich losgeht. Aus aller Welt kommen die Läufer und jeder Einzelne träumt davon, dieses Rennen zu finishen….

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Je länger das Rennen dauert, desto besser gefällt es mir. Ich fühle mich wohl hier. Der Alltag rückt immer weiter weg, das Hier und Jetzt bekommt mehr Raum. Alles was ich tun muss, ist essen, schlafen, gehen, laufen. Ich muss mich nur um mich selbst kümmern. Ich darf die Natur genießen. Ich darf hier sein. Einfach nur sein.

EINSAMKEIT
Es ist etwa 2 Uhr Früh und ich marschiere hinaus in die dunkle Nacht. Ich versuche zu laufen, damit der Schüttelfrost vergeht. Es funktioniert nicht. Ein Kilometer nach dem anderen. Bin ich sicher richtig? Es ist kein Mensch weit und breit zu sehen. Dann: Eine kleine Bushütte. Darin sitzen 2 Japaner. Ich setze mich schnurstracks dazu. Es geht mir gar nicht darum, mit jemandem zu sprechen. Die Anwesenheit der beiden reicht mir schon, um mich nicht mehr so alleine zu fühlen. Ich muss ein wenig verzweifelt aussehen, denn sofort streckt mir der Japaner ein kleines Säckchen entgegen. Darin ist Ingwer, scharfer Ingwer. Er deutet mir, ich solle mir ein Stück nehmen. Das mache ich. Der scharfe Ingwer weckt meine Lebensgeister. Außerdem berührt mich diese Geste tief. Wir kennen uns nicht, wir können kein Wort in der gleichen Sprache sprechen und doch weiß jeder, wie es dem anderen geht. Dankbar stehe ich nach kurzer Zeit auf und gehe weiter. Nicht aufgeben, nur nicht aufgeben.

Tiefpunkte
Als ich in der Hütte geweckt werde, kann ich nicht aufstehen, beim besten Willen nicht. Mich lediglich auf die Seite zu drehen kostet eine Tonne Energie. Ich bitte darum, mich noch einmal eine Stunde schlafen zu lassen. Nach dieser quäle ich mich aus dem Bett. Es ist 8 Uhr am Abend. Für die letzten 10 Kilometer habe ich inklusive Schlafpausen ca. 8 Stunden gebraucht. Es ist wie es ist. Die Frau beim ‘Check-In’, die mitbekommen hat, was mit mir los ist, sieht mich skeptisch an. So gut es mir gelingt, erkläre ich ihr, dass ich nun weitergehe. Noch einmal eine Handvoll Schokolade. “You sure?” fragt sie mich. “Yes.”
200 Höhenmeter bis zum nächsten Pass auf 2.700 Metern. In meinem Mund ist Blutgeschmack. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ein Schritt nach dem anderen, die Stirnlampe ist schon wieder am Kopf. Jeglicher Zeitplan beim Teufel. Oben angekommen, denke ich, ich sollte umdrehen. Jetzt retour gehen, Bescheid geben, dass es nicht mehr geht. Over and out. Ja, das ist die einzig vernünftige Entscheidung.
Ich halte aber nicht an. Gehe. Wanke. Meine Beine machen das, was sie seit Tagen tun.

Auf Richtung Ziel
Die Hüttenwirtin im Rifugio Frassati schreit durch die Gegend: “If you want to see sunrise on Monte Bianco, you have to go NOW.” Immer wieder. Ja, wollen, können, das ist ein großer Unterschied…
Mir fallen die Augen zu. Sollen sie doch. So schlafe ich am Tisch ein. Vielleicht 15 Minuten. Danach bestelle ich Kaffee, esse Kekse und Schokolade.
“If you want to see sunrise…. “.
Gegen 6 Uhr fühle ich mich langsam wieder menschlich und stehe auf. Ich ziehe mich an und gehe hinaus. Es dämmert und die Sonne steigt hinter den Bergen auf. Nur noch ein steiler Anstieg. Obwohl ich fix und fertig bin, fühle ich mich tausendmal besser als in der Nacht. Ich weiß jetzt: Ich schaffe das. Die Bergwelt hier ist so unglaublich schön, sie macht mich sprachlos. Obwohl es noch etwa 25 Kilometer bis ins Ziel sind, bin ich schon jetzt ganz emotional. Ich bin fast am Ende meiner Reise angelangt.
Der Col Malatra ist eine Geschichte für sich. So imposant, so steil, so beeindruckend. Ich keuche. Bleibe immer wieder stehen. Und lache. Yes, I can.

Ein langer Weg
350 Kilometer und 30.000 Höhenmeter liegen hinter mir. Eine lange Reise findet ihren Abschluss. Dankbarkeit und Zufriedenheit ruhen in mir, wie ich sie noch nie empfunden habe.

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