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Großglockner-Vorbereitung

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Did not Finish beim ‚PTL: La Petite Trotte‘

5. August 2015 Comments (1) Allgemein, Blog, Rennberichte

Dirndltal Extrem – 111 Kilometer, 5000 Höhenmeter

Auf den ersten 10 km

“Noch 30 Sekunden bis zum Start”, tönt es aus Gerhard Lusskandls Mikrofon. “Noch 15 Sekunden, bitte zum Start kommen.” Langsam beenden alle ihre Gespräche “5, 4, 3, 2, 1″ und los! Es geht hinaus aus Ober-Grafendorf, ein langer Tag wartet auf uns, 111 Kilometer und 5000 Höhenmeter.

Noch ein Selfie vor dem Start

Noch ein Selfie vor dem Start

Startaufstellung

Startaufstellung

 

 

 

 

 

 

Ich hatte gar nicht geplant, hier am Start zu stehen. Geplant war der Großglockner Ultratrail eine Woche davor. Aber das Leben hält sich bekanntlich selten an Pläne, ich liege mit einer Sommergrippe und Magen-Darm-Infekt völlig flach. 1, 2 Tage darf ich frustriert und traurig sein, dann ist es Zeit, positiv zu denken: Ich brauche ganz einfach eine Alternative! Der Dirndltal Extrem. Also schreibe ich eine kurze E-Mail an Gerhard Lusskandl, den Organisator, ob ich noch mitlaufen kann, der Anmeldeschluss ist nämlich eigentlich schon vorbei. Ich darf, zum Glück.
Der erste Lauf am Dienstag davor ist noch sehr mühsam, am Donnerstag fühle ich mich wieder fit, es sollte alles gut gehen.

Ober-Grafendorf ist nicht allzu weit weg, gut 1,5 Stunden und wir sind dort. Nach einer entspannten Anreise hole ich die Startnummer, ein wenig quatschen mit Freunden und Bekannten, danach machen wir ein Gemeinschaftsfoto.
Das Besondere am Dirndltal ist die Freundlichkeit, das Rennen ist wie das Treffen einer großen Familie. Wer einmal dabei war, kommt sicher wieder.

Nachdem die letzte Nacht eher wenig entspannt und schlaflos war (mit 2 Kindern kann man nicht unbedingt auf eine perfekte

Auf den ersten 10 km, Foto: Herbert Kratky

Auf den ersten 10 km, Foto: Herbert Kratky

Vorbereitung zählen), bin ich heute viel zu müde, um nervös zu sein. Um 22:30 drehe ich das Licht ab und schlafe sofort ein. 6 Stunden später läutet der Wecker, ich bin hellwach. Heute ist es soweit, endlich wieder ein Ultra. Ich bin aufgeregt, esse ein kleines Frühstück und um kurz nach 5 fahren wir Richtung Start/Ziel-Bereich.
Es bleibt nicht viel Zeit, schon bald fällt der Startschuss. Die ersten 10 Kilometer laufen wie am Schnürchen, ich fühle mich gut, auch wenn es im Bauch ein wenig zwickt. Das soll mich aber jetzt (noch) nicht stören. Bis zu Checkpoint 2 bei Kilometer 23 habe ich keine gröberen Probleme, es läuft gut. Ich

Km 23,5

Km 23,5

achte darauf, mein Tempo zu laufen und mich nicht ablenken zu lassen.
Außerdem freue ich mich, dass Michi und Magdalena warten. Nicht jeder hat das Glück, unterwegs von seinen Liebsten empfangen zu werden.

Nach dem zweiten Checkpoint verwandelt sich das anfänglich nur leichte Magenzwicken in lästige Probleme, bergab laufen ist eher schmerzhaft, ein paar Mal verschwinde ich in die Büsche, dadurch wird es aber auch nicht besser. Es ist wirklich eine blöde Kombination, die Beine sind ok, der Magen lässt keine schnellen Kilometer zu. Alles, was man in dem Fall tun kann ist durchhalten und hoffen, dass es besser wird. Ich versuche mich nur auf die einzelnen Teilabschnitte zu konzentrieren, erst bei Kilometer 35,5, dann wieder bei 48. Und wenn ich erst einmal bei 48 bin, habe ich schon fast die Hälfte. Das Glas ist bekanntlich halb voll, also auf auf und immer weiter!

Bei den Labestationen mache ich immer nur ganz kurz Pause, um die Flaschen wieder aufzufüllen und ein paar Bissen zu essen. Gegen Mittag wird es ganz schön heiß, die Sonne knallt auf den Asphalt und ich bin ganz alleine unterwegs. Ich fühle mich zwar nicht besonders gut, aber ich komme beständig weiter und bin ganz zufrieden.

Mit den Gedanken irgendwo... Foto:  Herbert Kratky

Mit den Gedanken irgendwo… Foto: Herbert Kratky

Bei Kilometer 61 in Schwarzenbach wartet noch einmal Michi, ich wechsle meine Schuhe und mache mich bereit für die 2 Berge vor mir. Bis zum Eisenstein hinauf sind es 6 Kilometer und 750 Höhenmeter. Ich starte los und bereits nach 100 Höhenmetern wird mir klar, dass dieser Berg heute für mich zu einer Wand wird. Es geht plötzlich nichts mehr, gar nichts. Dazu ist es extrem heiß, steil… “Weitermachen, nur nicht stehenbleiben, das kann nur wieder besser werden.” Anstatt mich wieder zu erfangen, wird mir extrem schlecht, mein Kreislauf verwandelt sich in eine Achterbahn und ich frage mich ob ich mich vorher übergeben muss oder gleich umfalle. Die Läufer, die mich überholen, bestätigen mir, dass ich sehr weiß bin und fragen, ob es mir denn gut gehe. Trailapotheker Christoph Kaiser überholt mich ebenfalls und fragt mich, ob alles ok sei. Von ok bin ich weit entfernt und bevor ich jetzt wirklich umfalle,

Michi und Magdalena warten bei vielen Checkpoints

Michi und Magdalena warten bei vielen Checkpoints

Total-Einbruch, nichts geht mehr

Total-Einbruch, nichts geht mehr

brauche ich eine Lösung. Habe ich zu wenig gegessen? Zu wenig getruken? Vermutlich beides! Eigentlich achte ich immer penibel darauf, das nicht zu übersehen, aber durch die vielen Wespen bei den Laben halte ich mich dort immer nur ganz kurz auf und vergesse wohl im Eifer des Gefechts, wieviel ich verbrauche.
Mitten im Wald bleibe ich stehen und werfe den Rucksack auf den Boden. Kekse, ein Gel, Schokolade, viel Wasser und weitergehen. An die bevorstehenden 50 Kilometer wage ich noch gar nicht zu denken, mein vorrangiges Ziel ist es, irgendwie diese Hütte am Berg zu erreichen und nicht im Wald liegen zu bleiben. So ein Ultra kann grausam sein, ganz grausam….
Irgendwann wirkt der Zucker und die Flüssigkeit, ich kann mich wieder ganz gut auf den Beinen halten. Bei der Hütte trinke ich erst einmal 2 Becher Cola, dann muss es weitergehen. Aufgeben ist keine Option, soviel ist sicher, aber heute muss ich sehr, sehr tief in mich gehen und mehr als ein Limit überschreiten.

Der nächste Berg wartet auf mich, der Hohenstein, ich kann sogar wieder laufen und komme langsam zu Kräften. Das ist das Faszinierende an Ultras: Es gibt so viele Höhen und Tiefen, die Frage ist nur wie man damit zurechtkommt – findet man eine Lösung, kämpft man sich weiter oder gibt man auf?

Bei Kilometer 74 bin ich am zweiten Berg, jetzt geht es erst einmal 9,5 Kilometer auf einer Forststraße bergab. Ich fühle mich

Für kurze Zeit gehts wieder ganz gut

Für kurze Zeit gehts wieder ganz gut

gerade ausgezeichnet, das muss ich ausnützen. In knapp unter einer Stunde habe ich die Labestation in Schrambach erreicht, Kilometer 83,5. Neue Lage: Noch 27,5 Kilometer und 900 Höhenmeter.

Motiviert und bei guter Stimmung geht es auf ein langes, anstrengendes Asphaltstück – 5 Kilometer bergauf, Sonne, Hitze. Es ist nicht allzu steil, aber nach über 80 Kilometern fehlt die Kraft, um zu laufen. Staffelläufer überholen mich und feuern mich an .. „Eure Energie hätte ich jetzt auch noch gerne“. Sie bewundern mich, ich beneide sie, mir bleibt nur der schnelle Schritt und ein starker Wille, der mich dieses mörderische Stück hinaufbringt. Irgendwann biegt man wieder in den Wald ein und kaum habe ich es geschafft, wird mir wieder elendiglich schlecht. “Nicht schon wieder”, ist mein erster Gedanke. Ich fühle mich am Ende, am ganz untersten, letzten Ende. Wie kann man sich bloß so miserabel fühlen? Der nächste Checkpoint ist bei Kilometer 92,5. Bis dorthin ist es eine sehr lange Reise und wie schon am Eisenstein ein reiner Willenskampf, mein Körper hat schon lange kapituliert, aber ob man aufgibt, entscheiden nicht die Beine, sondern ganz alleine der Kopf.

“Dig deep, push hard, keep going”, der Checkpoint ist erreicht. Ich bin ganz alleine auf weiter Flur, die netten Helfer füllen mir wieder Cola in meine Trinkflaschen. Als ich lese, dass es bis zum nächsten Checkpoint noch einmal 10 Kilometer und 450 Höhenmeter sind, werden meine Nerven ganz dünn. “Du hast nicht mehr weit”, versuchen mich die Helfer zu motivieren. Wie soll ich das jetzt noch schaffen? Ich weiß nicht, wie viel man aus einem Körper ‘herausquetschen’ kann, aber vermutlich werde ich es die nächsten Stunden herausfinden.

Vorbei an Kühen, bergauf, bergab, nur nicht stehenbleiben. Mir ist immer noch sauschlecht (entschuldigt den Ausdruck, aber anders kann ich es nicht beschreiben), das verstärkt sich bei jeder Bergauf-Passage. Irgendwann, ja irgendwann werde ich im Ziel sein und sobald ich Checkpoint 10 bei Kilometer 102,5 erreicht habe, kann mir sowieso nichts mehr passieren – und wenn ich ins Ziel kriechen muss! Sturheit ist im Alltag nicht immer das Beste, bei solchen Läufen aber Gold wert.

Beim letzten Checkpoint versuche ich noch ein paar Schluck Cola hinunter zu bekommen, dazu würge ich noch einen Bisschen Kuchen hinunter. Wieder motiviert mich ein Helfer “Jetzt habts nicht mehr weit!” … “Ja, puh, anstrengend ist es”… “Was sollen wir denn im Ziel für dich richten”… “Einen Liegestuhl, bitte” … alles was ich möchte, ist sitzen, liegen, schon seit Stunden.

Ziel!

Ziel!

Egal, es sind noch 8,5 Kilometer bis ins Ziel – ein anderer Läufer, Alfred, ist auch bei CP 10 und fragt mich, ob wir gemeinsam ins Ziel laufen. Ich erkläre ihm, dass ich wirklich am Ende bin und er vermutlich schneller ist – das ist ihm aber egal, er will nicht alleine laufen. Na dann los, Stirnlampen einschalten, es folgt der letzte Anstieg. Anschließend packe ich meine Stöcke in den Rucksack, die brauche ich jetzt nicht mehr. Erst laufen wir, auf den letzten 4 Kilometern Richtung Ziel wechseln wir zwischen gehen und laufen. Die Beine sind nicht am Ende, mein Kreislauf und Magen haben aber langsam mehr als genug und ich will mich jetzt nicht noch übergeben, das wäre kein schöner Abschluss… 15 Minuten auf oder ab sind mir jetzt außerdem herzlich egal. Ich weiß, wir werden gut ins Ziel kommen, das ist das Allerwichtigste!
Fast werde ich ein wenig sentimental, so ein harter Tag, mehr Kampf als Genuss, aber nicht jeder Tag im Leben ist gleich… noch

Es ist geschafft und ich kann mich endlich hinsetzen

Es ist geschafft und ich kann mich endlich hinsetzen

300 Meter, abbiegen, im Laufschritt durchs Ziel hindurch – Finish!
Michi und Magdalena warten auf mich, dazu viele bekannte Gesichter aus dem Vorjahr. Ich bin so unglaublich erledigt und gleichzeitig so stolz, diesen Lauf erfolgreich beendet zu haben. Man ist sich nicht bewusst, was in einem steckt, was man schaffen kann. Diese 111 Kilometer habe ich neben viel Training und guter Vorbereitung in 1. Linie mit dem Kopf geschafft.

Man könnte sich fragen, warum ich nicht einfach aufgehört habe, wenn eigentlich nur wenig positive Momente dabei waren? Weil man an so einem Tag unheimlich viel fürs Leben lernt, von so einem Lauf und dem positiven Erlebnis beim Zieleinlauf zehrt man im Alltag sehr lange. In schwierigen Situationen erinnere ich mich sehr oft an Rennsituationen und denke mir: Das hast du auch geschafft, denk immer dran, irgendwann geht es auch wieder bergauf! …

Platz 1 bei den Damen, 10 Frauen sind gestartet

Platz 1 bei den Damen, 10 Frauen sind gestartet

Im Vorjahr war ich zwar schneller, heute das Ziel und die Zeit zu erreichen, war aber auf jeden Fall um vieles schwieriger.
Belohnt werde ich für die Ausdauer mit dem 1. Platz bei den Damen, gesamt laufe ich mit meiner Zeit von 16 Stunden und 37 Minuten auf den 19. Platz von ca. 70 gestarteten Läufern.

Dieser Lauf, das waren keine süßen Dirndlkirschen, sondern eine stahlharte Nuss…

 

 

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One Response to Dirndltal Extrem – 111 Kilometer, 5000 Höhenmeter

  1. werner sagt:

    Chapeau! Ich kenn das wenn sich das Ziel immer weiter entfernt… als näher zu kommen. Ich hoffe Du hast Dich gut erholt! Respekt das Du durchgehalten hast. 2017 geb ich mir diesen Lauf auch!!!
    LG W